Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes


Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Lübeck

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Inhalt: Neubau der Verkehrszentrale Travemünde

Vorbemerkungen

Die deutsche Nord- und Ostseeküste gehören zu den meist befahrenen Seegebieten der Welt. Durch zahlreiche Hafenzufahrten konzentriert sich die Schifffahrt auf engem Raum. Meeresengen wie die Kadetrinne oder der Fehmarnbelt führen zu einem Geflecht aus aufeinander zulaufenden und sich kreuzenden Verkehren. Um einen sicheren, geordneten und flüssigen Schiffsverkehr zu gewährleisten, unterstützen die Nautiker/innen in den Verkehrszentralen die Schifffahrt mit umfangreichen aktuellen Informationen bei der Navigation und regeln den Verkehrsablauf.

Die Verkehrszentrale Travemünde ist als nautisches Kompetenz- und Kommunikationszentrum das ganze Jahr rund um die Uhr mit erfahrenen Nautikern/innen besetzt. Das Zuständigkeitsgebiet erstreckt sich von der Flensburger Förde bis zum Leuchtturm Buk bei Kühlungsborn.

Abb. 1: Zuständigkeitsbereich (schraffiert) mit den Verkehrszahlen 2012 (Meldepflichtige Schiffe in Tausend)

Innerhalb dieses Gebietes informiert, überstützt und regelt die Verkehrszentrale den Schiffsverkehr auf der Ostsee, der Trave und den angeschlossenen Häfen wie Lübeck, Kiel, Puttgarden, Flensburg und Wismar.

Abb. 2: Umschlagszahlen der Häfen im Zuständigkeitsbereich (2012)

Die Arbeitsplätze der Verkehrszentrale, „Trave Traffic“, „Wismar Traffic“ und „Kiel Traffic“, sind in das VTS (Vessel Traffic Service) eingegliedert. Dieses System unterstützt die Navigation auf See und sorgt für einen reibungslosen Schiffsverkehr. Das VTS kontrolliert durch elektronische Überwachung den Verkehr auf dem Wasser und ist vergleichbar mit  der Flugsicherung in der Luftfahrt. Weltweit sind 500 Zentralen in dieses System integriert. Die größten davon liegen in Hongkong, Shanghai, Rotterdam und Hamburg.

Abb. 3: Die alte Verkehrszentrale (1992 bis 2013)

Veranlassung für die Neubauplanungen

1999 wurden die Verkehrszentralen Wismar und Travemünde zusammengelegt. Der Betrieb erfolgte seitdem mit einem „Nautiker vom Dienst“ und einem „Nautischen Assistenten“ pro Wache.

Durch die weltweite Einführung des „Automatischen Schiffsidentifizierungssystems“ (AIS) konnte seit 2004 der gesamte Zuständigkeitsbereich des WSA Lübeck durch die Nautiker/innen überwacht werden.

Am 01. Oktober 2006 wurde für die Maritime Verkehrssicherung auf der Kieler Förde ein dritter Arbeitsplatz für einen Nautischen Assistenten eingerichtet. Außerdem wurde bereits ein vierter Arbeitsplatz für die Verkehrsüberwachung des Fehmarnbeltes vorbereitet.

Aufgrund dieser Aufgabenzunahme und der Entwicklung der Maritimen Verkehrstechnik war der zur Verfügung stehende Wachraum in der Verkehrszentrale Travemünde nicht mehr ausreichend. Technische Modernisierungen waren aus konstruktiven Gründen nicht mehr möglich. Auch die ergonomischen Bedingungen genügten nicht mehr dem Stand der Technik.

Architektonische Gestaltung

Der zweigeschossige Neubau der Verkehrszentrale befindet sich in exponierter Lage an der Travemündung. Aufgrund der städtebaulichen Bedeutung der Travepromenade hat die Hansestadt Lübeck hohe Anforderungen an die Gestaltung der Verkehrszentrale gestellt. Als Bauplatz wurde das Grundstück neben der Lotsenstation festgelegt.

Abb. 4: Neubau der Verkehrszentrale, Lotsenstation und alte Verkehrszentrale (Computergrafik 2009)

Das Bauwerk wurde von den Architekten Udo Beuke und Lili Romoli von der Bundesanstalt für Wasserbau aus Karlsruhe entworfen und mit dem Gestaltungsbeirat der Hansestadt Lübeck abgestimmt.

Durch die besonderen Anforderungen des Raumbedarfsplans einer Verkehrszentrale war eine zweigeschossige Bauweise zwingend vorgegeben. Städtebaulich war jedoch nur eine eingeschossige Bauweise möglich. Das Erdgeschoss wurde daher in einer Anschüttung (Warft) „versteckt“ und passt damit auch optisch zur benachbarten Lotsenstation. Dadurch entstand aus dem eigentlichen Erdgeschoss eine Art Souterrain. Um den Nautikern das Sichtfeld zu gewährleisten, sollte das Bauwerk so nah wie möglich an der Trave stehen. 

Durch die Übernahme regionaler Architekturelemente, wie die Klinkerfassade und die runden Fenster, passt sich der Neubau sehr gut an die Umgebung an. Der vordere Gebäudeteil in Richtung Promenade ist aufgrund seiner Anforderungen an einen Wachraum etwas höher als der hintere Teil.

Die sich aus dem Raumbedarfskonzept ergebene Raumaufteilung der beiden Geschosse ist in den beiden folgenden Abbildungen dargestellt.

Abb. 5: Erdgeschoss mit Sozial-  und Technikräumen

Abb. 6: Obergeschoss mit dem Wachraum, der Pantry, zwei Büros und dem Lagezimmer

Abb. 7: Erster Spatenstich am 19. April 2009

Bauablauf und Besonderheiten des Neubaus

Eine Besonderheit des Bauwerkes ist die Ausbildung der Sohlplatte und der Außenwände des Untergeschosses als "Weiße Wanne". Diese "Weiße Wanne" ist aus wasserundurchlässigem Beton C35/45 hergestellt, um die Hochwassersicherheit gegen das Bemessungshochwasser von NN + 3,30 m zu gewährleisten. Um während der Bauphase und im Überflutungsfall das Aufschwimmen des Untergeschosses zu verhindern, wurde eine Flutöffnung von ca. 3 m²  vorgehalten, die nach Erreichen des erforderlichen Eigengewichtes des Bauwerkes geschlossen wurde.

Nach der Fertigstellung des Untergeschosses erfolgte die Dämmung der Außenwände mit 10 cm Polystyrol-Hartschaum (Perimeterdämmung). Vor dem Verfüllen der Arbeitsräume wurden Schmutz-, Druckrohr- und Regenwasserleitungen sowie eine Vielzahl von Kabeln und Leerrohren verlegt.

Abb. 8: Kragarme mit der ersten Stütze

Die von der Architektur vorgegebenen Stützen vor dem Wachraum konnten setzungsbedingt nicht auf Einzelfundamenten gegründet werden. Deshalb wurden zur Abfangung an den Untergeschosswänden stählerne Kragarme angebaut. Daher musste in diesen Wandbereichen ein erhöhter Bewehrungsanteil verlegt werden.

Abb. 9: Bewehrung der Obergeschossdecke

Erdgeschoss- und Obergeschossdecke sowie die Decke über dem Wachraum wurden als Fertigteildecken mit Ortbetonergänzung C20/25 eingebaut. Dabei wurden Spannweiten von bis zu acht Metern im Bereich des Wachraumes überbrückt. Die vier Stahlbetonstützen mit jeweils 30 cm  Durchmesser, über die sich die Wachraumdecke größtenteils abträgt, bestehen ebenfalls aus Beton C 20/25.

Die Herstellung des Innenmauerwerkes erfolgte mit großformatigen Kalksandstein-Rasterelementen, die aufgrund ihrer Größe nur mittels Kranhilfe zu versetzen sind.

Das Obergeschoß wurde mit 14 cm Mineralwolle als Kerndämmung versehen und mit einem rot-blau-bunten Klinker verblendet. An der Nordseite des Gebäudes wurden für den Einbau runder Fenster Betonfertigteile integriert.

Das höher gelegene Dach über dem Wachraum und der Klimazentrale wurde als Walmdach und der tiefer gelegene Teil mit einem flach geneigten Satteldach versehen.

Abb. 10: Blick auf die Travemünder Enge mit der Baustelle beim Einlaufen der “Queen Elisabeth“  am 04. Juni 2011 (Foto: Frank Behling)

Der Wachraum; das Herzstück der neuen Verkehrszentrale

Der 130 m² große Wachraum ist mit der großen Glasfront zum Wasser das Herz der Verkehrszentrale. Zusätzlich befinden sich im Obergeschoss zwei Büroräume sowie der Stabs- und Presseraum. Im Erdgeschoss sind die Aufenthalts- und Technikräume untergebracht. Das gesamte Bauwerk hat eine Nutzfläche von 608 m².

Durch die gestiegenen Anforderungen an die maritime Sicherheit und die Erweiterung der zu überwachenden Reviere wird der Wachraum der neuen Verkehrszentrale Travemünde von drei auf vier Arbeitsplätze aufgestockt. Zusätzlich sind zwei Arbeitsplätze für die Verkehrsüberwachung während der Bauphase der Fehmarnbeltquerung vorgesehen.

Der Wachraum der Verkehrszentrale ist mit speziellen 24h-Arbeitsplätzen eingerichtet. Bei der  Arbeitsplatzgestaltung wurden neben den ergonomischen Aspekten auch die Lichtverhältnisse und die Akustik besonders berücksichtigt. Die großflächige Glasfassade ist mit einem individuell steuerbaren Sonnenschutz ausgestattet. Das dimmbare Sonnenschutzglas  steuert die Licht- und Energiedurchlässigkeit und sorgt damit sowohl für ein angenehmes Raumklima im Sommer als auch für eine uneingeschränkte Durchsicht bei allen Wetterverhältnissen.

Für den Wachraum ist eine Kombination aus tageslichtgeführter Konstantlicht-Regelung mit  individueller Einstellung zu Nachtzeiten eingebaut worden. Dieses garantiert eine optimale Energieumsetzung bei größtmöglicher Individualität. Die Ausführung erfolgt in LED-Technik. Die Lichtausbeute ist dadurch deutlich höher als bei Glüh-  oder Halogenlampen und die Wärmeentwicklung wird erheblich reduziert.

Abb. 11: Blick in den Wachraum

Maritime Verkehrstechnik

Der Neubau der Verkehrszentrale Travemünde ist integriert in die Erneuerung der Maritimen Verkehrstechnik innerhalb der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. Radar, UKW-Funk, das Automatische Schiffsidentifizierungssystems (AIS), Umweltdaten, Schifffahrtszeichenfernüberwachung und Schiffsmanagementsysteme werden auf dem neuesten Stand vorgehalten. Durch die Gestaltung und redundante Auslegung der technischen Systeme und Anlagenteile sind Ausfälle in der neuen Verkehrszentrale weitestgehend ausgeschlossen.

Kosten und erste Erfahrungen

Der Neubau der Verkehrszentale Travemünde kostete ca. 4,3 Millionen Euro und wurde mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II finanziert.

Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Enak Ferlemann, sagte anlässlich der feierlichen Einweihung des Neubaus am 15. April 2013 in Travemünde: „Mit dem neuen Gebäude ist die Verkehrszentrale Travemünde bestens aufgestellt. Effiziente Verkehrsüberwachung benötigt modernste, miteinander vernetzte Technik, die wir zurzeit an der gesamten deutschen Küste installieren. Dafür investieren wir rund 120 Millionen Euro, das Geld ist gut angelegt.“

Abb. 12: Symbolische Schlüsselübergabe durch Staatssekretär Enak Ferlemann

Die Arbeitsbedingungen in der derzeit modernsten Verkehrszentrale Deutschlands sind nach den Erfahrungen der ersten Monate als sehr gut zu bewerten. Insbesondere die guten ergonomischen Bedingungen der 24h-Arbeitsplätze sind hervorzuheben. Die architektonische Gestaltung des Neubaus wird von der Öffentlichkeit als durchweg positiv und gelungen gesehen.

Ausblick

Bereits im November 2011 wurden für die noch im Bau befindliche Verkehrszentrale neue zusätzliche Aufgaben definiert. Aufgrund einer Deutsch-dänischen Kooperation wird der Schiffsverkehr während der Bauarbeiten zur festen Fehmarnbelt-Querung in der Meeresenge zwischen Lolland und Fehmarn in der neuen Verkehrszentrale Travemünde überwacht. Drei Wacharbeitsplätze sind dafür vorbereitet.

Die länderübergreifend tätige Verkehrszentrale wird paritätisch besetzt und räumlich in die Verkehrszentrale Travemünde integriert. Zurzeit werden die technischen und personellen Voraussetzungen für diese internationale Verkehrszentrale geschaffen. Geplant ist der Wirkbetrieb ab 2016.

Verfasser:

Dipl.-Ing. Henning Dierken
Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lübeck

Detail-Präsentation der baulichen Umsetzung von der Planung bis zur Fertigstellung.